Die Sonnenblume
Für Sarah und Sonja
Sonnenblumenblüten-Dezime auf braunem Oktogon,
vierzehn im Kreis, Vierzehnheiligen erwähnt, hingewiesen auf Kopflosigkeit,
vier Strophen, drei Sichtweisen im Sinn des Kompaß und Klostergarten
120 Grad
Blüten gen Himmel und Erde,
manche klein, nicht sichtbar, geschützt durch eigene Blätter
Blüten nach oben strebend und nach unten ragend,
vollkommenes Abbild menschlichen Ziels
Blüten am Stamm emporwachsend,
noch immer die Materiewelle des Ursprungs spürend
Blüten im Ansatz, nie zur Reife gelangt, keine Zeit
sonnengebräunte Sonnenblumen-Frucht,
ein Kranz von Strahlen, Keim neuen Lebens
Sonne fällt durchs Fenster,
auf unsichtbaren Bahnen Kontakt mit dem Himmel,
auch wenn dem vertrauten Boden entrissen, neu beginnend
Blickwechsel 240 Grad
Blätter und Blüten gegen das Licht,
Vielfalt der Struktur,
oft genügt ein Umriß, das Wesen zu ahnen
Die dritte Richtung, tertium non datur,
lächerliche Beschränkung menschlichen Denkens,
dazu antagonistisch unscharfe Logik,
neue Formel des ewig gleichen Zauberlehrlings
Blitz der Erkenntnis, die höchsten Triebe abgeschnitten,
Blüten entfernt, offenbar wurde geerntet
Kristallisationspunkt in weißer Vase,
mikrokosmotische Schönheit, Lichterextrakt, Energie
Im Klostergarten
Sonnenblumen jeden Alters mit schönsten Blüten in reicher Fülle,
geschützt von nahen Mauern, deren Farbreste die frühere Pracht erahnen lassen
in gebührendem Abstand ist Gesamtschau möglich,
sitzend auf einer Bank, Licht aus Südosten
vor der Mauer holde Mädchen, den Blüten des Lichts viel näher als ich,
zwischen uns ein Kranz aus Rosen
Filmriß - im Garten vor der Mutter Gottes stehend
ein Mann: wohl recht gescheit werden wollen fragt er,
die Lichter erneuernd
ja, sage ich, an die Weisung der Sonnenblume denkend
10/93 Wolfgang 0. Müller